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“Our world is constantly altered by high-tech. Lotus and bamboo are no longer my everyday life, instead, life is taking place on digital screens. I enjoy it while worrying about the future. Such massive, exaggerated visual materials, which are neither positive nor negative, are part of today’s wonderland of nature. The relationship between me and nature, subject and object, in my opinion, remains as before. As a Chinese, I am used to a traditional culture that talks a lot about nature. I believe that such ancient intelligence exists in other cultures as well, such as the concept of a God that is everywhere and nowhere, for example. The concept of art is like that, too. For me, contemporary art is like a language with different tools. And it is unavoidable that this language evolves. Yet, it always leads to the same objective of communication with nature. Painting allows me to stare at spiritual, visual and tactile feelings on the image carrier. For me, this creates a parallel space that resonates with the real world.” 
— Xia Peng 2019

Prof. Dr. Ursula Panhans-Bühler

Xia Peng : „Mit der Tusche atmen“ 

Einführungstext der Einzelausstellung in der Galerie WangHohmann 2014

Seit einiger Zeit entdecken jüngere chinesische Künstler, aufgewachsen in den mit technologisch ungeheurer Geschwindigkeit entwickelten Megastädten Chinas, ihre traditionelle Tuschmalerei aufs Neue als künstlerisches Medium. 

Diese bettete die Kultur einer ländlichen Geruhsamkeit in die größere Welt der Natur ein. Rollbilder auf Reispapier entfalteten Landschaften, In deren raumzeitlichem Kontinuum das Auge sich in virtuellen Reisen erging. Ein wandernder Blick konnte die ländlichne Idyllen in großartigen Naturszenerien bequem zuhause, liegend oder sitzend, allein oder mit Freunden genießen. Eingerollt waren diese Bilder einer Harmonie von Natur und Mensch bequem mitzuführen und bei passender Gelegenheit wieder aufzurollen. Mit ihrer Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten erzeugte die Tuschmalerei eine besondere Atmosphäre. Das Spiel von Schatten und Licht evozierte Dunst und Klarheit, in Nebeln sich verlierende hohe Berge und im Nichts spiegelnden Glanzes aufgelöstes Wasser träger Flüsse, konturiert allein durch den Ufersaum – eine meditative Reise in eine von geschäftigem Treiben gelöste Existenz. 

Vielen chinesischen Künstlern geht es heute nicht um Beschwörung dieser fernen Utopien. Sie suchen einen Umgang mit der kulturell verwurzelten Tuschmalerei, der eine Vertiefung in die zeitgenössische Situation erlaubt. Hierin ist Xia Pengs Arbeitsweise enorm feinfühlig und innovativ. Seine Tuschmalerei prägt ein entscheidender Wechsel der Blickrichtung: nicht mehr das transversal über die Oberfläche des Papiers gleitende Auge, Erinnerungen an eine ideale Harmonie genießend, sondern eine aus der Tiefe heutiger Erfahrungen arbeitende Imagination, die sich deren fremder, undurchdringlichen Seite zuwendet – ihrer chinesischen und westlichen. Eine neue Spontaneität des kreativen Akts, der im Vorhinein nur eine vage Vorstellung davon haben kann, was er sucht, wendet sich der Innenseite des Erlebens zu, nutzt assoziativ Zufälle in der Bewegung der Tusche, um ihr – wie im Traum oder Alptraum – eine Gestalt abzugewinnen. Absichtsvolles und zufällig Auftauchendes verbinden sich, die Modulation der sanftmütigen Tusche bringt ein latentes Erleben zum Vorschein. Das „mit der Tusche atmen“, wie Xia Peng es nennt, wird zu einem doppelten Prozess: Im Helldunkel ihres Verfließens und sich Verdichtens verbindet sich die Tusche mit dem emotionalen Kern der Erfahrungen. 

Die vielschichtige Undeutlichkeit und Undeutbarkeit wird dem Fremden, Undurchdringlichen unserer Zeit gerecht. Unerwartetes, dunkel Bewusstes oder Gefühltes taucht im Medium der Tusche in einer Art Zwischenwelt auf – eine gleitende, fließende, sich entziehende Welt, deren Verwerfungen schwer zu fassen sind. An diese werden eher Fragen gestellt, als Antworten vorzuspiegeln. Die Tusche ist nicht irgendein Medium, sondern entscheidend für ein derartiges Eintauchen in unsichere Erfahrungen – ein Eintauchen, das nicht nur metaphorisch, sondern direkt stofflich zu verstehen ist. Anders als in der Tradition wird mit der Tusche weniger gezeichnet oder in begrenzten Arealen gemalt; nass in nass erfassen zart ineinander laufende oder übereinander geschichtete Flächen das gesamte Blatt. Das Wässrige der Tusche spielt eine neue Rolle bei der Erzeugung einer im Dunkel sich verlierenden optischen Tiefe, für die perspektivische Hilfsmittel kaum eine Rolle spielen.  

Xia Peng hat so einen eigenen Weg des zeitgenössischen Umgangs mit chinesischer Tuschmalerei gefunden. Dieser gibt unserem Erleben der zeitgenössischen Welt Raum, sobald wir uns ihren blendenden Masken entziehen. Die künstlerische Arbeit bindet dieses Erleben assoziativ an Unvorhergesehenes, Überraschendes, Seltsames, Paradoxes, Zweideutiges. Xia Pengs Kunst erzeugt eine Sensibilisierung für das Prekäre und Fragile unserer Zivilisation, die der Modus der Tuschmalerei in seiner dunklen Schönheit mit verschwiegener Zuversicht begleitet, trotz aller chaotischen Bedrängnis. 

Dieser Umgang mit der Tusche hat sich auf weitere künstlerische Ausdrucksmittel Xia Pengs ausgewirkt, seinen ingeniösen Umgang mit Lithographie und Radierung, und ebenso auf seine Ölmalerei. Den flüchtigen inneren Bildern, so verstörend sie sein mögen, verleiht die Tusche die Chance einer geduldig engagierten Auseinandersetzung mit unserer Welt. Diese nichts erzwingende Geduld, ein eminent chinesisches Verhaltensmodell, gibt, solange der Atem anhält, nicht auf.